Ida Presti und die Sarabande von Francis Poulenc

02. Januar 2022

Nachdem es, durch die anhaltende Pandemie bedingt, in unserer Region seit langem keine Konzerte mit klassischer Gitarrenmusik zu hören gab, erleben wir zur Zeit erste Versuche, den Konzertbetrieb wieder aufzunehmen. Verbunden sind diese Veranstaltungen natürlich mit besonderen Bedingungen und Auflagen, welche sich  auch kurzfristig ändern können, da sie der pandemischen Situation ständig angepasst werden müssen.
Ich habe bisher kaum Konzerte besucht und mich in dieser Kulturpause in den unendlichen Weiten des Internets auf die Suche nach interessanten Informationen über Künstler und Werke gemacht habe, die für meine Arbeit als Gitarrenlehrer wichtig sein könnten.
Grundsätzlich lasse ich mich in meinem Unterricht von einem selbst erstellten Fahrplan leiten. Wenn meine Schülerinnen und Schüler eigene Ideen einbringen, weiche ich aber auch gerne davon ab und gehe auf deren Wünsche bezüglich des Repertoires ein.
Zusätzlich zu den festen Stationen dieses Fahrplans und der Erarbeitung dieser besonderen Wünsche weise ich auf Stücke unseres Repertoires hin, die in irgendeiner Weise eine außergewöhnliche Stellung einnehmen. Diese kommt ihnen z.B. zu, weil sie auch Musikfreunden bekannt sind, die mit der klassischen Gitarre sonst keine Berührungspunkte haben. Im besonderen Maße gilt das z.B. für die berühmte „Anonyme Romanze“ oder die „Bourrée“ von J.S.Bach aus seiner Lautensuite in e- Moll. In der Version der Rockgruppe Jethro Tull ist dieser kleine Barocktanz sehr bekannt geworden.

Eine besondere Stellung können aber auch Werke für Gitarre einnehmen, die dem großen Publikum gar nicht geläufig sind und den Gitarristinnen und Gitarristen, die nicht professionel Gitarre spielen, oftmals auch nicht. Zu dieser Gruppe gehört die „Sarabande“ von Francis Poulenc. Als sein op.179 ist sie 1960 in gedruckter Form erschienen. Mehrfach habe ich sie nun schon im Unterricht erarbeitet. Sie ist das einzige Werk für Gitarre von Poulenc, der durchaus zu den führenden und bedeutenden Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden darf. Es handelt sich um ein kurzes Musikstück in drei Teilen, das anmutet, als wäre es für eine einzelne Violine geschrieben. Durchsichtig und licht erscheint der Notensatz in der französischen Originaledition, die die handschriftliche Vorlage von Poulenc wahrscheinlich korrekt wiedergibt. Hauptsächlich handelt es sich um die Darstellung von Zweiklängen, sowie einstimmigen und dreistimmigen Passagen, die stets mit zwei oder drei Noten übereinander im gleichen Rhythmus notiert und gemeinsam in eine Richtung gehalst sind. Eine für die Violine typische Schreibweise. Verfolgt man die einzelnen Stimmen und ergänzt die rhythmischen Notenwerte in horizontaler Richtung, ergibt sich jedoch ein tatsächlich zwei- und dreistimmiger polyphoner musikalischer Satz. In der Gitarrenmusik wird diese Polyphonie mit einer entsprechender Schreibweise deutlich gemacht, mit der Poulenc offensichtlich nicht vertraut war. In meinem Unterricht benutze ich deshalb zunächst eine von mir selbst angefertigte Notation, in der der eigentliche Stimmverlauf korrekt notiert und gut nachvollziehbar dargestellt ist. Auf die originale Notation verweise ich erst später, um sie niemandem vorzuenthalten. Durch den Vergleich kann ich auf diese Weise auch gleich auf die die Wichtigkeit einer richtigen Notation hinweisen.
Der Grund, dass Poulenc sich in diesem einen Fall mit der Gitarre beschäftigt, für die er sich ansonsten als Komponist nicht interessiert, ist mir nicht bekannt. Wahrscheinlich ist aber, so denke ich, dass die Bekanntschaft mit Ida Presti oder einem anderen, zu dieser Zeit bedeutenden Gitarristen hierbei ausschlaggebend war.

Ida Presti, 1924 in Suresnes in Frankreich geboren, ist in den 60er Jahren auf dem Höhepunkt ihrer genialen Meisterschaft. Nach einer solistischen Karriere gründet sie zusammen mit ihrem Ehemann Alexandre Lagoya ab 1952 das bis dahin einzigartige und weltweit beachtete Gitarrenduo Presti-Lagoya. Beide verbinden herausragende musikalische Darstellungskraft mit einer phänomenalen Spieltechnik. Offensichlich hat die Kunst von Ida Presti bei Poulenc einen tiefen Eindruck hinterlassen. Entweder schreibt er nun für sie dieses kleine Gitarrenstück, das ihr auch zugeeignet ist, oder er greift auf einen schon vor längerer Zeit entstandenen Versuch, für Gitarre zu schreiben, zurück und bittet die berühmte Gitarristin, diesen für ihn mit einem geeigneten Fingersatz einzurichten. Einem Kleinod der Gitarrenmusik, in dem sie nicht ihre technische Virtuosität präsentieren muss, sondern ihre lyrischen Stärken ganz zum Ausdruck bringen kann.
Ich stelle mir nun vor, wie er ihr dieses eigentlich unbeholfen notierte Werk in die Hände legt und sie die offensichtlichen Schwächen der Darstellung natürlich sofort erkennt. Aber, und das wird aus der vorhandenen gedruckten Ausgabe deutlich, sie sieht auch die hohe Qualität der Komposition und erliegt nicht der Versuchung, wie ich es getan habe, die Schreibweise des Komponisten zu verbessern. Sie behält die ursprüngliche Notation von Poulenc respektvoll bei. Es gelingt ihr die musikalische Struktur durch einen hervorragend durchdachten Fingersatz deutlich werden zu lassen, der ihr tiefes Verständnis der Musik und der musikalischen Möglichkeiten der Interpretation offenbart. Klug bezieht sie durch ihren Fingersatz das Spiel mit verschiedenen Klangfarben mit ein und bekommt damit einen deutlichen Anteil am kreativen Potential des Stückes. Ob das orchestrale Klangfarbenspiel ihre Idee war, oder ob sie die Gedanken von Poulenc hierzu nur praktisch umgesetzt hat, bleibt allerdings unklar.
Wenn Sie Bekanntschaft mit der großen Künstlerin Ida Presti machen wollen, die übrigens auch als Komponistin sehr begabt war, so bietet Ihnen das Internet hierzu einige, wenn auch nicht sehr zahlreiche Gelegenheiten. Die Sarabande von Poulenc ist leider als Aufnahme von ihr nicht darunter.

Unten finden Sie einige Links, die Sie auf die entsprechenden Seiten führen.
Sollten Sie Lust bekommen haben, sich als fortgeschrittene Spielerin oder Spieler selbst an dieser besonderen Musik zu versuchen, so bin ich als Gitarrenlehrer gerne bereit Ihnen dabei zu helfen.

https://www.youtube.com/results?search_query=ida+presti
https://www.youtube.com/watch?v=rM3SLRwfJ3k
https://www.youtube.com/watch?v=Mc2idZ9lXz0