Koblenzer Gitarrenfestival: Impressionen und Vorausschau

23. Februar 2022

Ein außergewöhnliches und herausragendes Ereignis für jeden Freund der klassischen Gitarre ist das jährlich stattfindende Internationale Gitarrenfestival in Koblenz, ganz in unserer Nähe.

Vor einigen Jahren war ich schon einmal Gast dieses Festivals und war damals sehr beeindruckt von der Vielzahl von international bekannten und bedeutenden Gitarristinnen und Gitarristen, die zu Gast waren. Am Folgetag hielten diese Meisterklassen für junge Künstlerinnen und Künstler, Musikstudierende, die sich auf Prüfungen und Wettbewerbe vorbereiten, sowie für alle, die auf hohem Niveau das Gitarrenspiel beherrschen und trotzdem das Bedürfnis verspüren, sich weiter zu bilden und Rat einzuholen.

Im letzten Jahr war der Termin für das Festival wegen der Corona- Pandemie von der Woche vor Pfingsten in die Herbstferien verlegt worden, sodass ich nach langer Zeit ein weiteres Mal teilnehmen konnte, da ich selbst in den Schulferien keinen Unterricht gebe.

Es waren fünf Übernachtungen in der Jugendherberge Festung Ehrenbreitstein oberhalb des Deutschen Eck, am Zusammenfluss von Saar und Mosel gebucht und so konnte ich fünf Tage mit Gitarrenmusik verbringen und am Abend, nach den Konzerten, mit meiner Frau an der Seite und einem Glas Wein in der Hand von der Festungsmauer über das erleuchtete Koblenz blicken. Eindrücke, an die ich sehr gerne zurückdenke.

Nachdem ich am Vormittag selbst schon geübt hatte, begab ich mich in die städtische Musikschule, um den Meisterklassen beizuwohnen, einer sehr guten Möglichkeit, die Künstler auch abseits des Podiums kennenzulernen und ihnen beim Unterrichten zuzusehen und zuzuhören. Da das Unterrichten des Gitarrenspiels mein Beruf ist, war dies für mich natürlich besonders interessant.

Am Abend gingen wir gemeinsam in die Konzerte, welche in einem kleinen Saal der Rhein-Mosel-Halle stattfanden. Das erste Rezital wurde von David Russel bestritten, einem in Fachkreisen seit Langem bekannten und international etablierten Virtuosen. Russels Programm bestand im Wesentlichen aus seinen eigenen Transkriptionen von barocken Meisterwerken, von Bach und Scarlatti, aber auch von dem im Gitarrenrepertoire sonst eher nicht vertretenden Johann Kuhnau. Einzig eine Sonatina von Jorge Morel war ein originales Werk für Gitarre.

Russel führte mit Erläuterungen zu den Stücken und Anekdoten aus seinem Künstlerleben durch das Programm, was manchem Zuhörer wahrscheinlich sehr gefallen hat. Ich persönlich mag es mehr, wenn ich Informationen über die Werke aus einem Programmheft entnehmen kann und das Konzert sich ausschließlich auf die Darbietung der Kunst beschränkt. So hinterließ sein Beitrag zum Festival bei mir einen gespaltenen Eindruck. Sein Vortrag war beeindruckend und ohne Makel, die Auswahl der vorgetragenen Stücke und die Form des Konzertes konnten mich aber nicht vollständig überzeugen.

Das genaue Gegenteil, die letztgenannten Aspekte betreffend, war für mich der Auftritt von Petrit Ceku am folgenden Tag. Ceku präsentierte zwei groß dimensionierte Werke unseres Repertoires mit einer kleinen, mir bis dahin unbekannten Serenade von Sofia Gubaidulina als Mittelteil des Programms.

Eines der großen, mehrsätzigen Werke war die Sonata Romantica von Manuel Maria Ponce, ein sehr bekanntes und viel gespieltes Stück, welches dem Spieler ein hohes Maß an Fertigkeit und Durchhaltevermögen abverlangt. Ceku meisterte diese Aufgabe mit Bravour und war im Stande, den ganzen kompositorischen Reichtum des Werkes an den Hörer zu vermitteln. Eine großartige Leistung!

Bei dem Vortrag der Grande Sonate op. 25 von Fernando Sor hat er sich darin dann allerdings noch selbst übertroffen. Sor war für mich bis dahin eher der Meister der kleinen Form und die große Form der Sonate schien er mir nicht wirklich überzeugend ausfüllen zu können.Seit diesem Abend muss ich mein Urteil in diesem Punkte allerdings revidieren. Der ganze Reichtum von Sors Komposition wurde mir mit dem Vortrag von Petrit plötzlich deutlich und beschämt musste ich feststellen, dass der von mir empfundene Mangel eher auf die Beschränktheit meines eigenen Spielvermögens als auf die Beschränktheit der Komposition oder des Komponisten zurückzuführen war: eine für einen „alten Hasen“ sehr heilsame Lehre. Und so gelobe ich Besserung, wenn ich mich nach langer Zeit ein weiteres Mal mit dem Stück befassen sollte. Ich werde mehr studieren, mehr nachdenken und besser üben, denn Sor und seine Sonate haben diese Mühe verdient.

Auch Marcin Dylla, dessen Konzert wir am dritten Tag besuchten, gehört wie Petrit Ceku zur Generation der jungen Virtuosen, die mich mit ihrer unglaublichen Virtuosität immer wieder in Erstaunen versetzt und beeindruckt. Dylla hatte sich allerdings mit der e-Moll Suite BWV 996 und den Collectici intim von Vincente Asencio Ziele gesetzt, die er nicht immer erreichen konnte.

War er durchaus in der Lage, die mit spanischen Manierismen gespickten Stücke von Asencio, dem Lehrer von Narciso Yepes, durchaus überzeugend darzubieten, so gelang ihm dieses bei Bach nicht mit der gleichen Perfektion. Seine selbst gewählten schnellen Tempi führten dazu, dass er doch an manchen Stellen „verunglückte“ und ihm sein Gedächtnis kleine Streiche spielte. Am Ende waren hier wahrscheinlich mangelnde Konzentration und zu viel Anspannung, die man ihm während seines Vortrags anmerken konnte, der Grund für diese gelegentlichen Ausrutscher. Es ist vielleicht auch waghalsig und nicht klug, ein so gewaltiges Werk wie die Bachsuite an den Anfang eines Konzertes zu stellen.

Nach einem außerordentlichem Konzert mit einem außerordentlichen Spieler am Mittwoch, mit ausschließlich zeitgenössischer, meist polnischer Musik - Lukasz Kuropaczewski spielte sage und schreibe drei Uraufführungen von zeitgenössischen Komponisten an einem Abend sowie die „Aria e Cadenca“ von Penderecki und „Tryptych“ von Krzysztof Meyer - folgte der Höhepunkt an unserem letzten Abend mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie und den beiden Solisten Aniello Desiderio und Zoran Dukic, welcher dieses Mal im großen Saal der Rhein-Mosel-Halle stattfand.

Eingerahmt wurde das Konzert von zwei reinen Orchesterstücken, die passend zu den beiden am Abend aufgeführten Gitarrenkonzerten von Joaquin Rodrigo ebenfalls spanische Themen aufgriffen.

Den Gitarrenpart in der für Andres Segovia geschriebenen „Fantasia para un gentilhombre“ übernahm Zoran Dukic souverän und überzeugend.

Das relativ oft aufgeführte, aber immer wieder berührende und begeisternde „Concierto Aranjuez“ durfte Aniello Desiderio interpretieren, welcher sich mittlerweile von einem aufstrebenden jungen Gitarrenvirtuosen zu einem im besten Sinne „Altmeister“ des künstlerischen Gitarrenspiels entwickelt hat, welcher technische Perfektion mit überragender musikalischer Gestaltungskraft scheinbar mühelos verbinden kann. Ein Künstler der Extraklasse.

Wenn Sie sich nun fragen warum ich Ihnen so ausführlich über diese Konzerterlebnisse berichte, die doch immerhin schon einige Zeit zurückliegen, so liegt es daran, dass ich Ihr Interesse wecken und Sie neugierig machen wollte, die diesjährige Ausgabe des Festivals zu besuchen.

In der Woche vor Pfingsten haben Sie selbst die Gelegenheit, in die Welt der klassischen Gitarre einzutauchen, exquisite Konzerte zu erleben, den Künstlerinnen und Künstlern, wenn Sie mögen, beim Unterrichten zuzuschauen oder den gleichzeitig stattfindenden internationalen Gitarrenwettbewerb zu verfolgen. Sie können auch die Instrumente der Gitarrenbauer bestaunen, welche dort ihre Arbeiten am Rande der Veranstaltungen präsentieren. Wenn Sie selbst aktiv Gitarre spielen, möchten Sie vielleicht sogar eines dieser Instrumente für sich erwerben.

Wenn dann noch der Wunsch aufkommen sollte, dass Sie Ihr Gitarrenspiel weiterentwickeln möchten oder vielleicht auch erst in die Grundlagen eingeweiht werden wollen, so stehe ich Ihnen gerne als Lehrer zur Verfügung.

Das Gitarrenspiel anderer zu betrachten, kann aufregend sein und begeistern, selbst zu spielen ist ein Abenteuer.