Zum Tode von Wolfgang Lendle

17. April 2016

Wolfgang Lendle verstarb unerwartet am Dienstag, den15.3.2016 im Alter von 68 Jahren.

Durch den Saarbrücker Gitarristen und Gitarrenlehrer Olaf Prätzlich erfuhr ich Ende letzter Woche vom überraschenden Tod Wolfgang Lendles.

Im Unterschied zu Prätzlich habe ich weder bei Lendle studiert noch private Kontakte zu ihm unterhalten. Trotzdem hat der Mensch und Künstler Wolfgang Lendle auch für mich eine große Bedeutung.

Zunächst hatten der aus Trier stammende Lendle und ich einen gemeinsamen Lehrer. Der damals auch am Konservatorium in Prag tätige Gitarrenprofessor Jiri Jirmal war zweimal für längere Zeit als Gitarrendozent an der Musikhochschule des Saarlandes beauftragt. In die erste Phase fällt die Studienzeit Wolfgang Lendles, in die zweite meine eigene. Interessanterweise scheint der Unterricht bei Jirmal eine geringere Bedeutung für Lendle gehabt zu haben als der bei Martin Galling, einem Pianisten und Cembalisten, welcher ebenfalls an der Musikhochschule dozierte und das Fach Kammermusik unterrichtete.

Hier zeigt sich, und in diesem Punkt fühle ich mich ihm sehr eng verbunden, dass Lendle stets über den Tellerrand der Gitarre hinausschauen wollte. Es wird deutlich , dass sein Interresse der Musik in ihrem umfassenden Wesen und ihrer über das eigene Instrument hinausreichenden allgemeinen Bedeutung galt, und eben nicht auf die Gitarrenmusik beschränkt war. Durch diese tiefe Einsicht und seine Konzentration auf die pure musikalische Gestaltung, völlig losgelöst von den scheinbaren Widrigkeiten und Beschränkungen der Gitarre, sind ihm Interpretationen gelungen, die auch weit in die Zukunft reichend ihre Gültigkeit und Vorbildlichkeit behalten werden.

Will man ein Werk aus dem spanischen oder südamerikanischen Repertoire in einer hervorragenden Interpretation kennenlernen, so kann man getrost auf die Einspielungen Lendles zurückgreifen. Dieses gilt in besonderem Maße für die Werke von Tarrega, Rodrigo und Villa- Lobos. Seine unglaubliche motorische Begabung lässt in keiner Sekunde die spieltechnischen Schwierigkeiten der Gitarre erahnen. Wo andere, und da schließe ich mich selbst gerne ein, sich mühen, bei besonders virtuosen Passagen das angefangene Tempo wenigstens zu halten und manchmal daran scheitern, da setzt er noch eins drauf. Die virtuosen Stellen erfahren bei ihm noch eine Steigerung, wodurch ihre musikalische Wirkung in erstaunlicher Weise verstärkt wird. Lendle kannte einfach keine Barrieren und Grenzen, sondern er machte, was die Musik verlangt. Hiermit versetzt er nicht nur den Hörer in Erstaunen und erzeugt Begeisterung, sondern bereitet auch sich selbst damit die größte Freude. Das Zirzensische, Artistische in der Musik schien ihm ein besonderes Vergnügen zu bereiten. Neben der emotionalen Deutung der Musik ist es dieses, was den wahren Virtuosen ausmacht.

Seine Vorliebe für spanische und südamerikansche Musik zeigt sich auch in seiner Diskografie. Besonders empfehlen möchte ich Ihnen die CD „ Spanish Guitar Music“ und die Gesamtaufnahme der Werke für Gitarre von Villa- Lobos.

Ich durfte Herrn Lendle vor langer Zeit bei einem Meisterkurs in Waldfischbach- Burgalben in der Pfalz kennenlernen und habe ihn als warmherzigen und bescheidenen Menschen in Erinnerung.

Hiermit möchte ich auch seiner Familie mein herzliches Beileid aussprechen.

Chapeau! Ein Großer ist gegangen

Peter- Christian Reimers